
Ismael Nery: Biografie und Werk: Künstlerische Phasen und das surrealistische Erbe
Ismael Nery: Biografie und Werk: Künstlerische Phasen und das surrealistische Erbe
Als einer der Hauptvertreter der brasilianischen Moderne gliedert sich Ismael Nerys Schaffen im Wesentlichen in drei Phasen: eine expressionistische, eine kubistische und die letzte, wohl bedeutendste und vielversprechendste – die surrealistische.
. Das ist die Zeit des Expressionismus (1922–23), gefolgt vom Kubismus (1924–27) und schließlich dem Surrealismus (1927–34). Seine Ölbilder, Zeichnungen und Aquarelle besaßen stets einen universellen Charakter, die brasilianische Realität blieb darin außen vor. Immer wieder kreisten seine Themen um den zeitlosen Menschen, der mal antike Gewänder trug, mal die schlichte Kleidung des modernen Proletariers.
Obwohl er ein Zeitgenosse der brasilianischen Modernisten zu Beginn des letzten Jahrhunderts war, unterschied sich seine Bildkunst doch deutlich von der seiner Kollegen. Nationalistische Themen reizten ihn nicht. Sein Werk kreist vielmehr um philosophische Dualitäten: das Ich und der Andere, Körper und Geist, Gut und Böse, das Männliche und das Weibliche. Der „Andere“ wird dabei häufig von seiner Frau, der Dichterin Adalgisa Ferreira, oder seinem engen Freund, dem Poeten Murilo Mendes, verkörpert. Seine Gemälde münden in eine paradoxe Frage, als würde sich jemand im Spiegel betrachten und sinnieren: „Wer bin ich?“
Einige seiner Arbeiten erinnern, mit den langgezogenen Formen von Hals und Händen, an Amadeo Modigliani. Und man kommt nicht umhin, Parallelen zum Schaffen von Frida Kahlo zu ziehen. Beide verstanden es meisterhaft, ihre persönlichen Tragödien zum Ausdruck zu bringen.
GALERIE – KOMMENTIERTE KUNSTWERKE
Ab 1924 verlieh Ismael Nery seinen Figuren eine zunehmend geometrische Prägung, konstruierte sie aus Zylindern und ovalen Formen. Menschliche Gestalten streckten sich, ganz à la Modigliani. Expressionistische und kubistische Einflüsse sind hier deutlich spürbar.





Als einer der Pioniere des Surrealismus in Brasilien schuf Ismael Nery ein einzigartiges Werk. Er folgte dieser Stilrichtung, malte dabei die Qualen einer Krankheit, der er schließlich zum Opfer fallen sollte.



Die illustrierte Karte des Malers Ismael Nery ist nur in einem Punkt konventionell: der Künstler wahrt die üblichen Formen von Anrede und Gruß. Das Blatt ist datiert, „Rio, 21. Mai 1929“, beginnt mit „Caríssimo amigo“ (Liebster Freund) und endet mit „Sempre seu“ (Stets dein) nebst Initialen. Was in einem gewöhnlichen Brief der Text wäre, ist hier eine Abfolge surrealistischer Bilder, die wie in einem Traum dahinschweben.
Wenig illustrierte „Briefe“ in der brasilianischen Kunst erreichen die Schönheit dieser kryptischen Sendung Nerys. Vielleicht wollte er einen Freund mit einer Zeichnung in Brief-Form überraschen (oder war es ein Brief in Zeichnungs-Form?).

Selbstporträt von 1927 – Pietro Maria Bardi schrieb 1972 für die Zeitschrift „Manchete“: „Dieses Werk Ismael Nerys ist kein Selbstporträt, sondern vielmehr eine Autobiografie.“
Beginnen wir mit den Dimensionen des Gemäldes – eine Ausnahme im Gesamtwerk durch seine Großzügigkeit. Der Künstler porträtiert sich hier in surrealistischer Manier, überlagert von Ikonen der Landschaften seiner Lieblingsstädte: Links sehen wir Rio de Janeiro, repräsentiert durch den Zuckerhut, die Bucht von Botafogo und die typischen Häuserzeilen. Ein Detail fällt auf: Unten links gestikuliert eine Mulattin, als würde sie tanzen. Rechts erblicken wir den Eiffelturm und charakteristische Pariser Gebäude. Der Künstler selbst sitzt, eine russische Bluse tragend, im Zentrum des Bildes auf einer Bank. Die Schattendarstellung auf der Bluse verdient besondere Beachtung. Das Spiel der Schatten folgt der Bewegung der Pariser Gebäude im rechten Hintergrund, wobei sich der Turm nach links in Richtung Rio neigt. Zwei schemenhafte Figuren deuten sich neben dem Gesicht des Künstlers an: Links ein weibliches Antlitz, möglicherweise Adalgisa; rechts ein männliches, vielleicht Murilo Mendes. So könnte das Selbstporträt ein weiteres Liebesdreieck unter den vielen von Ismael Nery gemalten werden. Doch betrachten wir seine Profil-Selbstporträts, scheint es, als habe er in einer typisch narzisstischen Geste sein eigenes Bild verdoppelt, sich sowohl frontal als auch im Profil darstellend.
- Katalog Ismael Nery: Feminin und Maskulin. Museum für Moderne Kunst São Paulo. Kurator Paulo Sérgio Duarte, Mai 2018.










