
Realismus: Die Wurzeln und der akademische Kontext in Frankreich
Realismus: Die Wurzeln und der akademische Kontext in Frankreich
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Der Realismus, eine Kunstbewegung in den bildenden Künsten, nahm in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich seinen Anfang. Er fiel mit der Industriellen Revolution zusammen. Realistische Maler lehnten den Romantizismus ab, der ganz Europa erfasst hatte und dessen Wurzeln im späten 18. Jahrhundert lagen.
1648 von König Ludwig XIV. ins Leben gerufen, lenkte die Königliche Akademie für Malerei und Skulptur fast zwei Jahrhunderte lang die Kunstproduktion in Frankreich. Angesichts der damaligen Vorrangstellung Frankreichs in der europäischen Kultur setzte die Akademie Standards für die Kunst auf dem gesamten Kontinent; sie bot jungen Talenten eine Atelierausbildung und würdigte künstlerische Errungenschaften in ihren Salonausstellungen.
Die höchste Kunstform, die die Akademie 1668 auf einer Konferenz festlegte, war die Historienmalerei: die großformatige Darstellung einer Erzählung, typischerweise aus der klassischen Mythologie, der Bibel, der Literatur oder den Annalen menschlicher Errungenschaften. Nur die berühmtesten Maler durften sich diesem Genre widmen; ihre Werke wurden von der Akademie am meisten gefeiert. In abnehmender Bedeutung folgten in der Hierarchie der Genres das Porträt, Genreszenen (die Darstellung von Bauern oder unbedeutenden Personen), die Landschaft (die Abbildung der lebendigen Natur) und das Stillleben.
Angeregt durch archäologische Entdeckungen in Griechenland und Italien Mitte des 18. Jahrhunderts sowie von den aufklärerischen Idealen der Vernunft und Ordnung, avancierte der Neoklassizismus gegen Ende des 18. Jahrhunderts zur Paradedisziplin der Historienmalerei. Neoklassizistische Historienbilder, wie sie im Werk von Jacques-Louis David beispielhaft zu sehen sind, nutzten klassische Referenzen, Kompositionstechniken und Einstellungen, um zeitgenössische Ereignisse zu kommentieren.
Als Antwort auf den Neoklassizismus, die Industrielle Revolution und die aufklärerische Rationalisierung von Leben und Gesellschaft, umarmte die Romantik die intensive, irrationale Emotion und das exotische Thema als authentischere Quellen künstlerischer Kreativität. Statt wunderschön geordneter Außenszenen wurden romantische Landschaften zu Arenen für den erhabenen Konflikt zwischen Mensch und Natur.
Während die Romantik zwar bestimmte Prinzipien des Neoklassizismus ablehnte, veränderte sie die Institutionen der Kunst und Gesellschaft nicht grundlegend. Der nahezu permanente Revolutionszustand in Frankreich im 19. Jahrhundert jedoch lieferte den Impuls, einen radikaleren Wandel herbeizuführen. Nach der ursprünglichen Revolution von 1789 erlebte Frankreich die Erste Republik, das Erste Kaiserreich unter Napoléon Bonaparte, die Restauration der Bourbonen-Monarchie, die Julirevolution von 1830, die Julimonarchie, die Revolution von 1848, die Zweite Republik, das Zweite Kaiserreich, den Deutsch-Französischen Krieg, die Einrichtung der Pariser Kommune von 1871 und die Gründung der Dritten Republik.
Realismus...
Als eine Herausforderung an den Neoklassizismus und die Romantik – die man angesichts der umfassenderen sozialen Probleme des turbulenten 19. Jahrhunderts als wirklichkeitsfern empfand – begann der Realismus in Frankreich in den 1840er-Jahren. Er war der kulturelle Ausdruck einer größeren Antwort auf den ständigen Wandel in der Regierungsführung, die militärische Besetzung und wirtschaftliche Ausbeutung der Kolonien, die Industrialisierung und die Urbanisierung in den Städten. Diese Bewegung war mehr als die bloße Darstellung der Natur; sie war ein Versuch, sich im Realen zu verankern: in wissenschaftlicher, moralischer und politischer Gewissheit.
In den 1830er-Jahren zeigte sich dieser Drang zum wissenschaftlichen Positivismus mit dem Aufkommen der Fotografie. 1839 demonstrierte Louis Daguerre öffentlich das Daguerreotyp, ein Verfahren, das mechanisch ein Naturbild mit einer Kamera auf einem Metallträger fixierte. Gleichzeitig gelang es in England William Henry Fox Talbot mit der Kalotypie, das Bild auf mit Silberjodid beschichtetem Papier festzuhalten. Die Fotografie befeuerte den Realismus enorm. Obwohl realistische Künstler selten direkt mit Fotografien arbeiteten, lag ihre größte konzeptuelle Stärke in ihrem Wahrheitsanspruch. Wenn das Herrschaftsrecht traditionell durch Kunst gestützt wurde, die die Mächtigen idealisierte, so deutete die Fotografie die Möglichkeit an, die wahren Fehler der Herrscher buchstäblich aufzuzeigen. Inmitten eines revolutionären Jahrhunderts suchten realistische Maler den Wahrheitsgehalt der Fotografie in ihrer Kunst zu adaptieren.









