
Gabriele Münter
Gabriele Münter, eine Künstlerin, die dem Nazismus trotzte und den deutschen Expressionismus bewahrte. Entdecken Sie ihr Leben und ihre Werke.
Gabriele Münter gehört zu den bedeutenden Künstlerinnen der deutschen Moderne nach 1900. Oft wird ihr Name mit dem Genie Wassily Kandinsky verbunden; fast fünfzehn Jahre stand sie in seinem Schatten. Ein Mangel an Selbstvertrauen, dazu das damalige Verständnis der Rolle der Frau, prägten jene Zeit.
Neben ihrer künstlerischen Laufbahn ging die Malerin auch deshalb in die Geschichte ein, weil sie während des Zweiten Weltkriegs einen großen Fundus an Gemälden verschiedener Maler des Blauen Reiters versteckte. So konnte der deutsche Expressionismus, vom Nazismus als „entartete Kunst“ gebrandmarkt und verfolgt, die Kriegszeit überdauern.
BIOGRAFIE
Gabriele Münter erblickte am 19. Februar 1877 in Berlin das Licht der Welt. Als jüngstes von fünf Kindern wuchs sie bei Carl Friedrich Münter und Wilhelmine Scheuber auf. Ihre Eltern hatten sich in Amerika kennengelernt und dort geheiratet. Der Vater, ein Zahnarzt, war 1848 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, um einer Haftstrafe für die Verbreitung liberaler und revolutionärer Ideen zu entgehen. Mit dem Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs 1864 kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Gabrieles Kindheit verlief behütet; sie wuchs im Wohlstand und Schutz eines gutsituierten deutschen Mittelklassehaushalts auf.
Ihre künstlerische Ausbildung begann Münter kurz vor dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1897, in Düsseldorf. Sie nahm Privatunterricht bei dem Maler Ernst Bosch und besuchte anschließend die Damenakademie des Düsseldorfer Kunstvereins.

Zwischen 1900 und 1902 vertiefte sie sich in verschiedene künstlerische Disziplinen: Skulptur, Zeichnung und Malerei. In München bildete sie sich bei der Malschule Phalanx weiter, wo sie Wassily Kandinsky traf und bei ihm studierte. Münter empfand, dass er im Gegensatz zu ihren früheren Lehrern, ihre künstlerischen Ambitionen wirklich ernst nahm.

1903 begannen Münter und Kandinsky eine geheime Liebesbeziehung. Sie schmiedeten Pläne, nach seiner Scheidung von der ersten Ehefrau zu heiraten. Obwohl die Scheidung 1911 offiziell erfolgte, kam es – zu Münters Enttäuschung – nie zur Ehe.
Zwischen 1904 und 1907 bereisten Münter und Kandinsky gemeinsam Europa und Nordafrika. Diese Wanderjahre führten zu neuen ästhetischen Entwicklungen: Münters Malerei zeigte nun dicke, postimpressionistische Farbschmierer und naturalistische Landschaften. 1907 arbeitete sie in Paris und konnte ihre Bilder im Salon des Indépendants ausstellen.

1908 präsentierte die Künstlerin achtzig Gemälde in ihrer ersten Einzelausstellung im Kunstsalon Lenoble in Köln. Die kollaborative Beziehung und der künstlerische Austausch zwischen dem Künstlerpaar prägten Münters reife Schaffensperiode. Im selben Jahr zogen sie nach München. Eine Reise nach Murnau, am Fuße der bayerischen Alpen gelegen, markierte ebenfalls diesen Lebensabschnitt – diese Auszeit begründete eine lebenslange Verbundenheit zwischen Münter und Murnau.
1909 erwarb Münter ein Haus in der Region, das lokal als „Russenhaus“ bekannt war. Sie hegte die Hoffnung, es könne einst als Museum für ihre Kunst dienen. In Murnau empfingen Münter und Kandinsky Avantgarde-Künstler wie Franz Marc, August Macke, Alexej von Jawlensky und Arnold Schoenberg. In diesem neuen, erweiterten Künstlerkreis begann Kandinsky seine Forschungen zur abstrakten Malerei, während Münter ihre eigene künstlerische Entwicklung vorantrieb. Inspiriert von der Umgebung und beeinflusst von ihren Kollegen, malte sie mit neuem Eifer und schuf bis zu fünf Ölstudien pro Tag. Diese zeichneten sich alle durch formale Einfachheit, kräftige Farbblöcke und eine flächige Perspektive aus. Im selben Jahr gründeten Münter und Kandinsky die Neue Künstlervereinigung München (NKVM), die internationale Avantgarde-Kunst förderte und ausstellte. Dies diente ihr als wichtige Zwischenstation auf dem Weg zu dem vielleicht bedeutendsten Avantgarde-Kollektiv ihrer Laufbahn.

Als der Erste Weltkrieg 1914 ausbrach, flohen Münter und Kandinsky in die Schweiz. Der Krieg brachte jedoch eine natürliche Zäsur für die beiden Künstler mit sich; sie lebten die meiste Zeit des Konflikts getrennt.
Im September 1916 begann Kandinsky, der sich nun in Russland aufhielt, eine Beziehung mit der siebzehnjährigen Nina Andrejewska, die im folgenden Jahr seine zweite Frau werden sollte. Münter erfuhr von dieser Heirat erst 1920. Münter und Kandinsky trafen sich nie wieder. Dabei hatte sie wiederholt versucht, ihn zu kontaktieren, um Werke zurückzuerhalten, die sich noch in seinem Besitz befanden. Im Zuge der Rückforderung ihres Eigentums drängte Münter Kandinsky dazu, eine „Gewissensehe“ – wenn auch keine rechtliche Ehe – zwischen ihnen anzuerkennen. 1925 verfasste sie einen Text mit dem Titel Bekenntnis und Anklage, in dem sie Kandinsky für seine schlechte Behandlung scharf kritisierte.
Münters Ästhetik blieb während dieser Zeit fest dem deutschen Expressionismus verbunden, und sie stellte weiterhin prominent aus – insbesondere in Skandinavien und Deutschland.

1917 stellte die Künstlerin in Stockholm aus und knüpfte Verbindungen zur schwedischen Avantgarde. 1918 folgte ihre bis dato größte Ausstellung in Kopenhagen, und 1919 zeigte sie ihre Werke in der Galerie Der Sturm in Berlin.
BIOGRAFIE
1928, mit nunmehr gefestigtem Ruf, begann Münter eine Beziehung mit dem Kunsthistoriker Johannes Eichner, die bis zu ihrem Lebensende andauern sollte.
Im Zeitraum 1931–33 ließ sie sich mit Eichner in Murnau nieder und organisierte eine Retrospektive, die zwei Jahre lang durch ganz Deutschland tourte. Ihre progressive Kunst entsprach jedoch nicht der von Adolf Hitler favorisierten Ästhetik. Eichner ermutigte die Künstlerin, ihren Stil für eine bessere Marktfähigkeit anzupassen. So schuf sie Stillleben und Porträts, um Geld oder Tauschgüter für Nahrung zu erhalten. Unabhängig von ihren politischen Überzeugungen, steuerte sie Arbeiten zu nationalsozialistischen Ausstellungen bei.

1936 reichte Münter Werke für ein nazistisches Projekt der Berliner Olympischen Spiele ein, zeigte zwei Gemälde in der Wanderausstellung „Adolf Hitlers Straßen in der Kunst“ und sandte Arbeiten zur „Großen Deutschen Kunstausstellung“ von 1937. Doch ihre Einreichung für diese Ausstellung wurde abgelehnt. Trotz dieser Bemühungen fand Münter nie vollständige Anerkennung im nationalsozialistischen Kunstprogramm; ihre Kunst wurde von Nazi-Offiziellen verurteilt. Aus Furcht vor Beschlagnahmung versteckte Münter später ihre Blaue Reiter-Kunstsammlung in ihrem Keller.
Während der 1950er-Jahre stellte sie ununterbrochen aus, mit mindestens einer Ausstellung pro Jahr in Museen und Kunstgalerien in ganz Deutschland. 1956 erhielt die Künstlerin den Kulturpreis für Malerei, und im darauffolgenden Jahr das Goldene Ehrenzeichen der Stadt München. In jenem Jahr vermachte sie auch einen Großteil ihrer Blaue Reiter-Sammlung der Städtischen Galerie München.

1958 verstarb Johannes Eichner. Münter verbrachte den Rest ihrer Tage allein in Murnau, jedoch stets begleitet von der anhaltenden Aufmerksamkeit von Kunsthistorikern und Kritikern.
GALERIE




WERKANALYSE: Meditation

Münter schuf zahlreiche Porträts einsamer Frauen, oft in psychologischen Zuständen des Wartens, Hoffens, Nachdenkens oder Leidens. In diesem speziellen Bildnis stellt sie ihre Freundin Gertrude Holtz dar. Dabei verbindet sie Elemente ihrer drei bevorzugten Kunstgattungen – Porträt, Stillleben und Landschaft. Ihr bevorzugtes Modell Holtz sitzt da, den Finger an den Lippen, die Augenbrauen hochgezogen, der Blick geht aus dem Bild heraus. Dies veranschaulicht äußere Zeichen intensiver Kontemplation. Ihre weiß behandschuhte Hand bildet einen hellen Akzent vor einem Körper, der durch Konturen, Haar, Augen und Kleid in schwarzen und dunklen Farbblöcken zusammengefasst wird. Dieselben Farben spiegeln sich in der Dunkelheit des Interieurs und im Weiß, Blau und Schwarz des Tisches wider. Ein tiefer violetter Schatten um die Augen verbindet das Modell mit der Tischkante und den Farbakzenten im dunklen Hintergrund.
In ihrer Vorliebe für das evokative Potenzial umrissener Farbflächen offenbart dieses Werk den Einfluss der schwedischen Avantgarde. Insbesondere sind hier zwei ehemalige Schüler Henri Matisses und Gründer der schwedischen expressionistischen Bewegung zu nennen: Sigrid Hjertén und Isaac Grünewald.









