
Heitor Villa-Lobos
Heitor Villa-Lobos
Der brasilianische Komponist Villa-Lobos, eine wahrhaft schöpferische Kraft, war der produktivste und zugleich eigenwilligste unter den klassischen Musikern des 20. Jahrhunderts. Er agierte als Komponist, Dirigent, Cellist, Pianist und Gitarrist, stets darauf bedacht, eine nationale Klangsprache zu entwickeln, die afrikanische und indigene Motive kunstvoll verwebte.
Heitor Villa-Lobos erblickte am 5. März 1887 in Rio de Janeiro das Licht der Welt. Schon früh zog ihn die populäre Musik in ihren Bann, ebenso wie die mitreißenden Sambarhythmen seiner Heimatstadt Rio – zu einer Zeit, in der die feine Gesellschaft solche Leidenschaften eher misstrauisch beäugte. Doch sein Vater, Raul Villa-Lobos, ein angesehener Universitätsprofessor und Bibliothekar, förderte dieses frühe Interesse nach Kräften, bis er verstarb, als Heitor erst dreizehn Jahre alt war.
Mit sechzehn Jahren floh er von zu Hause. Seine Mutter, die Witwe Noemia Monteiro Villa-Lobos, hatte versucht, ihn von der Entfaltung seiner musikalischen Talente abzuhalten; ihr größter Wunsch war es, ihren Sohn als Arzt zu sehen.
Doch die Geschichte hält eine bizarre Wendung bereit: Fernab seiner Familie sog der junge Künstler die Volksmusik jeder Region, die er durchquerte, förmlich in sich auf – lauschte, imitierte, improvisierte, verfeinerte und komponierte unablässig.
Er reiste mit dem Kanu den Amazonas entlang, lauschte dem Gesang tropischer Vögel und dem rhythmischen Trommeln der Indigenen. Zwar schrieb er sich gelegentlich an formalen Schulen ein, doch empfand er diese Erlebnisse als langweilig; er blieb primär Autodidakt. Mit zwanzig verbrachte er drei Jahre in Bahia, wo er eine vielseitige Kultur vorfand, in der der afro-brasilianische Einfluss besonders lebendig war.

Heitor Villa-Lobos war 1922 die musikalische Schlüsselfigur der Woche der Modernen Kunst. Im Rahmen dieses Ereignisses stellte er sein Schaffen an drei Präsentationstagen vor. Unter den dargebotenen Stücken befanden sich so bemerkenswerte wie die Zweite Sonate, die Afrikanischen Tänze, die Mystische Valse, Cascavel und das Dritte Quartett, um nur einige zu nennen.

Im Jahr 1923 sammelten Freunde Gelder, um ihm eine Reise nach Europa zu ermöglichen. Dort angekommen, wurde er gefragt, was er denn studieren wolle. Seine selbstbewusste Antwort: „Ich bin hier, um meine eigenen Errungenschaften zu präsentieren.“ Tatsächlich zeigten die Pariser ein größeres Interesse an seinen Werken als die Brasilianer, vielleicht, weil sie in Europa als etwas Exotisches galten.

In den 1930er-Jahren kehrte Villa-Lobos nach Brasilien zurück und widmete sich der Musikpädagogik. Er setzte sich leidenschaftlich für die Einführung brasilianischer Musik in den Schulunterricht ein und inszenierte mitreißende Choraufführungen, die nationalistische Themen eindringlich zelebrierten. Der damalige Staatspräsident, Getúlio Vargas, unterstützte ihn uneingeschränkt bei diesem Vorhaben, erkannte er doch den immensen Einfluss des Musikers auf die musikalische Bildung in Brasilien.

1936 fand seine Ehe mit Lucília ihr Ende. Nachdem er seine Frau verlassen hatte, begann der Musiker eine Liebschaft mit einer ehemaligen Schülerin, Arminda Neves d'Almeida. Sie war selbst Musikerin und übte einen nicht unerheblichen Einfluss auf Villa-Lobos' Schaffen aus.
Doch die Geschichte hält eine weitere skurrile Pointe bereit: In den 1940er-Jahren, noch während der Amtszeit Getúlio Vargas', veröffentlichte Villa-Lobos „A Música Nacionalista“. Darin erklärte er die Nation samt ihrer Symbole – Flagge und Nationalhymne etwa – zu unantastbaren, ja heiligen Entitäten.
1948, nach der Diagnose einer Krebserkrankung, wurde er in New York operiert. Arminda, liebevoll „Mindinha“ genannt, begleitete ihn während dieser gesamten Zeit. Sie erzählte später: „Am Vorabend der Operation komponierte er ein wunderbares Musikstück, das er ‚Ave Maria‘ nannte. Heitor war kein religiöser Mensch, doch das war seine Art zu beten. Nach der Krankheit bekamen seine Kompositionen einen anderen Charakter: Sie wurden gewalttätiger, stärker... er schrie förmlich heraus.“
Villa-Lobos komponierte über 1.500 Werke in nahezu jedem erdenklichen Genre: Opern, Ballette, Kirchenmessen, Chorwerke, Orchesterstücke, Gitarrensoli und Filmmusiken. Einen beträchtlichen Teil seiner Kompositionen widmete der Musiker auch Arminda, darunter den „Ciclo Brasileiro“ und diverse Chôros.
Heitor Villa-Lobos verstarb am 17. November 1959 in Rio de Janeiro und hinterließ ein wahrhaft gigantisches Werk. Zu seinem Gedenken gründete die brasilianische Regierung unter Präsident Juscelino Kubitschek im Jahr 1960 in Rio de Janeiro das Museu Villa-Lobos. Dessen Hauptaufgabe ist es, sein monumentales Schaffen zu bewahren und gleichzeitig zu verbreiten. Arminda leitete das Museum bis zu ihrem Tod im Jahr 1985.
Obwohl er keine eigenen Kinder hatte, ist es bemerkenswert, dass Dado Villa-Lobos, der Gitarrist der Band Legião Urbana, sein Großneffe ist.
Doch die Geschichte hält noch eine weitere skurrile Anmerkung bereit: Im Jahr 2006 wurde in Brasilien der Nationale Tag der Klassischen Musik ins Leben gerufen, der alljährlich am 5. März gefeiert wird – dem Geburtstag von Villa-Lobos, zu seinen Ehren.







