
Boulevard Montmartre bei Nacht – Camille Pissarro
Boulevard Montmartre bei Nacht – Camille Pissarro
Boulevard Montmartre bei Nacht, dieses pulsierende Gemälde, wurde von Jacob-Abraham-Camille Pissarro geschaffen, einem der führenden Köpfe des französischen Impressionismus. Es fängt eine nächtliche Szene ein und gilt neben Die Sternennacht, Vincent van Goghs unbestrittenem Meisterwerk, als eines der ikonischsten Werke dieser Thematik überhaupt.
Im Februar 1897 bezog Pissarro ein Zimmer in Paris, an der Ecke eines der vier großen Boulevards. Von dort aus schuf er eine beeindruckende Serie von Gemälden des Boulevard Montmartre, die diesen Ort zu ganz verschiedenen Momenten festhalten.
In dieser lebendigen nächtlichen Szene fängt Camille Pissarro mit kühnen, farbigen Pinselstrichen das elegante Treiben dieser geschäftigen Straße an einem regnerischen Abend ein. Die nassen Bürgersteige reflektieren dabei die Lichter der Cafés und Restaurants. Für den Künstler lösten diese späten urbanen Motive ein grundlegendes Problem seiner früheren Landschaftsbilder: die Darstellung von räumlicher Tiefe. Die architektonische Struktur einer Pariser Straße verlieh seinen Kompositionen eine natürliche Raumwirkung, was ihm freie Hand ließ, sich auf andere malerische Aspekte zu konzentrieren. Hier leitet er den Blick des Betrachters in die dunkle Weite, geschmückt von tanzenden Lichtlinien: die Straßenlaternen, die Karawanen der Kutschen, die feuchten Spiegelungen auf den Gehwegen. Er akzentuiert die zurückweichenden Linien der Straße und der Gebäude durch krasse tonale Gegensätze – tiefdunkle Schatten und gleißende Lichter. Dabei verzichtet er gänzlich auf Gebäudedetails, selbst der malerische Dachfirst wird auf ein Minimum reduziert.
Pissarro bemühte sich, die vielfältigen Wirkungen künstlicher Lichter auf unterschiedliche Farbtöne einzufangen: mal bläulich und verhalten, mal von leuchtender Intensität. Abstrakte vertikale Formen im Bild symbolisieren die Menschenmassen, die sich unter den Bäumen und an den Geschäften vorbeitreiben. Auf einer Seite reihen sich Kutschen auf, ihre Laternen leuchten, während sie auf die Gäste der Show im nahegelegenen Moulin Rouge warten. Der Himmel liegt dunkel und diesig über der Szene, Wolken scheinen schwer in der Luft zu hängen. Doch einzelne Sterne blitzen bereits hervor, ein zarter Hinweis darauf, dass die dichte Bewölkung bald weichen wird.
Diese feinen Tupfer reiner Farbe dürfte er wohl erst ganz am Schluss hinzugefügt haben, als letzte Akzente über all den vorherigen Farbschichten.
Die Architektur von Paris wird seit Jahrhunderten bewundert, und unzählige Künstler pilgerten in die Stadt, um ihre Ansichten in eigene Werke zu bannen. Pissarro selbst schrieb: „Ich bin entzückt, diese Pariser Straßen malen zu können, die die Leute hässlich nannten, die aber so silbern, so leuchtend und voller Leben sind.“ Mit dieser Haltung beschränkte er sich keineswegs auf reine Pariser Ansichten; vielmehr spähte er auch aus Hotelfenstern auf die lebhaften Straßen und Hafenanlagen von Rouen und Le Havre, jene Orte, die schon früh viele Impressionisten zu Motiven inspirierten.
Der Künstler schuf eine ganze Serie derselben Szene und Ansicht, jedoch unter gänzlich unterschiedlichen Wetterbedingungen und zu verschiedenen Tageszeiten. Er war tief beeindruckt davon, wie er die gesamte Ausdehnung des Ortes überblicken konnte und eine Panoramaansicht von Bussen, Kutschen und Menschen zwischen großen Bäumen und gewaltigen Häusern hatte, die sich wie eine Kulisse auftürmten. Die Konvergenz der Hauptelemente der Szene in einem Fluchtpunkt im Hintergrund des Bildes schafft eine ausgewogene Komposition und dürfte auch seine Vorstudien erleichtert haben – es ist anzunehmen, dass er zunächst Skizzen mit Bleistift oder Kohle anfertigte, um die Winkel und Perspektiven naturgetreu zu erfassen. Nachdem er eine Reihe von Werken dieser Serie vollendet hatte, griff er wohl zunehmend auf Gewohnheit und Erinnerung zurück; diese atemberaubende Ansicht hatte sich fest in seinem Geist verankert.
Obwohl Pissarro den Großteil seines Lebens auf dem Land verbrachte und arbeitete, unterhielt er, wann immer es seine Mittel zuließen, ein Atelier in Paris. Doch abgesehen von wenigen Ausnahmen zeigte er bis in die letzten zwanzig Lebensjahre kaum Interesse an der Stadt als zentralem Bildmotiv. Die Naturmalerei hatte für ihn stets oberste Priorität; er besaß einen feinen Blick für Licht und Kälte, besonders aber für den Wind. Das hatte zur Folge, dass er – außer an warmen, windstillen Tagen – im Schutz eines Innenraums arbeiten musste. Die Suche nach einem solchen Zimmer, das mit einer inspirierenden Aussicht sein Interesse fesseln konnte, zog ihn schließlich wieder in die Stadt.









