
Marcel Duchamp: Eine Biografie seiner Hauptwerke – Die Revolution der Ready-mades und „Étant Donnés“
Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt Marcel Duchamps. Wir beleuchten seine revolutionären Ready-mades und das geheimnisvolle Spätwerk „Étant Donnés“. Ein Blick auf einen Künstler, der die Kunstgeschichte auf den Kopf stellte.
Artikelindex
- Ein geheimes Geräusch – Das Ready-made als radikaler Bruch mit dem Kunsthandwerk
- Der Brunnen – Duchamps Kreationen sind von Natur aus oft kontrovers
- Flaschenständer-Serie – Eine von Duchamp signierte Edition von acht Flaschenständern
- Die Braut, von ihren Junggesellen entblößt – Sieben Jahre lang, von 1915 bis 1923, widmete er sich der Planung und Ausführung eines seiner beiden Hauptwerke
- Mona Lisa. L.H.O.O.Q. – Als Prophet der Avantgarde setzt Marcel Duchamp mehr auf Inhalt als auf Form
- Étant Donnés – Eine von 1946 bis 1966 in New York entwickelte Installation, die jahrelang geheim gehalten wurde
Fahrrad-Rad – Das „erste Ready-made“. Duchamp selbst sah es nicht als Kunst, eher als Gegenstand im Zimmer, wie ein Bleistiftspitzer.
Im Rückblick betrachtete Duchamp sein Fahrrad-Rad als Übergangs- oder Versuchsarbeit, die zwischen seinen „klarer definierten“ späteren Ready-mades und seinen früheren Gemälden stand.
Vor allem, weil es ein Werk war, mit dem man tatsächlich interagieren konnte: Das Rad ließ sich drehen.
Duchamp erklärte: „Dieses sich drehende Rad zu sehen, war sehr tröstlich, beruhigend gar. Es eröffnete neue Wege, jenseits des materiellen Alltags.
Die Vorstellung, ein Fahrrad-Rad in meinem Atelier zu haben, gefiel mir.
Ich liebte es, es anzusehen, genau wie ich es liebte, den tanzenden Flammen im Kamin zuzuschauen.“
Ein geheimes Geräusch – Das Ready-made als radikaler Bruch mit dem Kunsthandwerk
Er eignete sich Vorhandenes an; wählte Industrieprodukte aus, die für einen praktischen, nicht künstlerischen Zweck hergestellt wurden.
Dieses besondere Werk entstand gemeinsam mit seinem Freund und Kunstsammler Walter Arensberg.
Sie entfernten die Schrauben, platzierten einen Gegenstand in der Schnurrolle zwischen den beiden Metallplatten – und verrieten niemandem, was dieser Gegenstand war.
Das Geheimnis währt bis heute. Das Einzige, was wir wissen: Schüttelt man das Werk, gibt es ein Geräusch von sich. Vielleicht eine Münze, vielleicht ein Diamant.
Der Brunnen – Duchamps Kreationen sind von Natur aus oft kontrovers
Der größte Paukenschlag seiner Karriere ist zweifellos dieses Werk. Hier erhob er ein schlichtes Urinal zur Kunst. Eine Geste, die die Kunstwelt erschütterte.
Gerade hier entfaltet das Ready-made seine ganze Wesenskraft, prägte die Kunst des 20. Jahrhunderts auf radikale Weise.
Diese „bereits gefertigten“ Stücke, so Duchamp, seien ein Geschenk Gottes für den Künstler, der ein Konzept aus eigener Kraft liefert.
Das Werk wurde 1917 der Society of Independent Artists unter dem Pseudonym R. Mutt eingereicht.
Das initiale „R“ stand für Richard, französischer Slang für „Geldsäcke“. Mutt hingegen bezog sich auf die JL Mott Ironworks, jene New Yorker Firma, die das Porzellanurinal hergestellt hatte.
Nachdem das Werk von der Gesellschaft als „unmoralisch“ abgelehnt wurde, widersprachen verteidigende Kritiker dieser Behauptung vehement. Sie argumentierten: Ein Objekt erhalte eine völlig neue Bedeutung, sobald ein Künstler es zur Ausstellung auswählt.
Indem es die Grenzen dessen, was Kunst ausmacht, neu auslotete, schuf Der Brunnen ganz neue Grundlagen.
Was als ausgeklügelter Scherz begann, entwickelte sich zu einem Projekt, das sich als eines der einflussreichsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts erwies.
Klicken Sie hier und erfahren Sie mehr.
Flaschenständer-Serie – Eine von Duchamp signierte Edition von acht Flaschenständern
1913 stellte Duchamp die entscheidende Frage: „Kann jemand ein Kunstwerk schaffen, das kein Kunstwerk ist?“
Im Falle dieses Readymades, eines Metallgestells zum Trocknen von Weinflaschen, lautete die Antwort: ja.
Er bekräftigte, dass allein der Akt der Wahl durch einen Künstler ausreicht, um jedes funktionale Objekt in eine funktionslose Skulptur zu verwandeln. Daher der Begriff „Ready-made“: Ein gefundenes oder industriell gefertigtes Objekt, dessen ursprünglicher Zweck durch die Neuklassifizierung durch den Künstler aufgehoben wird.
Es wurde konzeptuell verändert.
Für eine Kunstwelt, die den sichtbaren Handgriff und die Mühe des Künstlers hochhielt, war der Schockwert des Ready-mades enorm.
Zudem sammelte das Objekt weitere Assoziationen, darunter eine symbolische Beziehung zum Eiffelturm und erotische Anspielungen, die mit den leeren Spitzen des Gestells verbunden waren.
Die Braut, von ihren Junggesellen entblößt – Sieben Jahre lang, von 1915 bis 1923, widmete er sich der Planung und Ausführung eines seiner beiden Hauptwerke
Diese Installation aus Maschinerie, eingefasst zwischen Glasplatten, bildete Duchamps erstes „ästhetisches Manifest“. Es markierte seine klare Absage an überholte malerische Obsessionen, die nur dem Auge schmeicheln wollten – eine Theorie, die er als „retinalen Schauder“ bezeichnete.
Die Braut, von ihren Junggesellen entblößt, untersuchte thematisch Erotik und Begehren – ein wiederkehrendes Motiv in seinem Œuvre.
Mona Lisa. L.H.O.O.Q. – Als Prophet der Avantgarde setzt Marcel Duchamp mehr auf Inhalt als auf Form
Dennoch zeigte er immer wieder einen feinsinnigen Humor, gespickt mit Ironie und subversiver Komik.
Da er gern mit Worten spielte, schuf er zahlreiche sexuelle Anspielungen – sowohl visuell als auch mit einer ausgeprägten sprachlichen Dimension.
Man denke nur an seine Version der Mona Lisa in L.H.O.O.Q. (Der Titel spielt auf die französische Aussprache der Buchstaben an: „Elle a chaud au cul“, was in etwa „Sie hat einen heißen Arsch“ bedeutet.)
Indem er der Mona Lisa männliche Züge verlieh, spielte er auf Leonardos vermeintliche Homosexualität an und deutete die androgyne Natur der Kreativität an.
Duchamp beschäftigte sich hier sichtlich mit Geschlechterrollen-Umkehrungen, die später in Man Rays Porträts des Künstlers – gekleidet als sein weibliches Alter Ego, Rrose Sélavy – erneut in Erscheinung treten.
Étant Donnés – Eine von 1946 bis 1966 in New York entwickelte Installation, die jahrelang geheim gehalten wurde
Hinter einer massiven Holzpforte, die man in Spanien entdeckte und nach New York schickte, ist das Werk installiert. Es besteht aus einem Diorama, das man durch zwei Gucklöcher betrachtet.
Die Szene zeigt eine nackte, möglicherweise tote Frau, mit gespreizten Beinen, die eine brennende Gaslampe hält.
Eine Berglandschaft, basierend auf einem von Duchamp in der Schweiz aufgenommenen Foto, bildet den Hintergrund.
Über zwanzig Jahre lang im Geheimen geschaffen, gilt Étant Donnés als Duchamps zweites großes Werk.
Auf den ersten Blick verweist das Werk direkt auf Gustave Courbets Gemälde „Der Ursprung der Welt“ von 1866.
Doch bei genauerer Betrachtung lässt sich das Stück auch als Reflexion über die Grenzen zwischen Künstler und Betrachter sehen. Oder als Mittel zur Befragung des Selbstbewusstseins, gar als Meditation über den spirituellen Sinn – symbolisiert durch eine brennende Lampe.
Es gibt eine spannende Spekulation: Die brasilianische Künstlerin Maria Martins soll die inspirierende Muse und das Modell für dieses Werk gewesen sein.
Die Bildhauerin, die auch als Botschafterin tätig war und zu jener Zeit mit Botschafter Carlos Martins Pereira e Souza verheiratet war, lebte zwischen 1939 und 1948 in den Vereinigten Staaten. Durch Duchamp, den sie dort kennenlernte und mit dem sie eine Affäre begann, schloss sie sich der surrealistischen Bewegung an.
Dies war das letzte große vollendete Werk des Künstlers.
Es wurde erst ein Jahr nach seinem Tod enthüllt.

Étant Donnés – Ein Besuch der Installation im Philadelphia Museum of Art...









