Ölgemälde von Pieter Bruegel dem Älteren, das den Turm zu Babel in Blau- und Grautönen mit bewegten menschlichen Figuren darstellt.
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Pieter Bruegels Turm zu Babel

Pieter Bruegels Turm zu Babel

A

Arthur

Historische Kuration

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Dies ist eines der wahren Meisterwerke der Hochrenaissance, geschaffen vom niederländischen Künstler  Pieter Bruegel dem Älteren. Man schätzte ihn als einen der wichtigsten Vertreter der Flämischen Schule.

Wir blicken hier auf zwei der drei Gemälde, die der Künstler rund um die biblische Erzählung vom Turm zu Babel schuf. Das Werk zeigt die biblische Episode des Turmbaus, wobei die Stadt Antwerpen den Hintergrund bildet.

Die Bibel berichtet uns, dass kurz nach der Sintflut, als alle Menschen noch dieselbe Sprache sprachen, König Nimrod (oder Nenrode) aus Babylon einen Turm bauen wollte, der bis zum Himmel reichen sollte:  „Auf! Lasst uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen und nicht über die ganze Erde zerstreut werden!“ – Genesis 11,4

In der ursprünglichen Erzählung des Buches Genesis hindert Gott König Nimrod am Bau eines Turmes, der bis in den Himmel ragen sollte. Er verfluchte die Erbauer, sodass sie fortan einander nicht mehr verstehen konnten. Bruegel zeigt Nimrod im Vordergrund, wie er sein Projekt mit einer Schar schmeichelnder Höflinge bespricht, während schwache Gestalten um seine Füße kriechen. Sie nehmen einen wichtigen Platz in der Komposition ein; tatsächlich spielen sie eine Schlüsselrolle in der Erzählung.

Das Bauwerk hinter ihm erinnert teilweise an ein römisches Amphitheater. Hier steht das Römische Reich symbolisch für die Arroganz menschlichen Ehrgeizes in Bruegels eigener Zeit.

Der König Nimrod, in Renaissance-Manier gekleidet, erinnert unverkennbar an König Philipp II. von Spanien, der damals die Niederlande beherrschte. Unten links im Bild sehen wir König Nimrod, wie er die Baustelle besichtigt. Sein Architekt und die Wachen begleiten ihn, während die Maurer ihm huldigen.

Nahaufnahme einer Gruppe von Figuren am linken Bildrand, darunter König Nimrod und sein Gefolge, aus Bruegels Turm zu Babel
Der Turm zu Babel – Detail der Figurengruppe ganz links, mit König Nimrod und seinem Gefolge

Der flämische Meister setzte diese berühmte biblische Legende ins Bild. Der Turm, ganz klar, ist das zentrale Element seines Gemäldes; wir sehen, wie er sich gen Himmel schraubt, wobei seine Struktur, je näher sie den Wolken kommt, zusehends instabiler wirkt. Ringsum dient eine uns winzig erscheinende Stadt dazu, die schiere Größe des Turmes zu verdeutlichen.

Um das Bauwerk erstreckt sich eine Landschaft, gesprenkelt mit winzigen Figuren. Einige ziehen in Prozessionen entlang der gewundenen Rampen, andere wiederum schuften auf den Gerüsten an den Seiten. Rechts entladen Schiffe Baumaterial; in jedem kleinsten Detail ist das Gemälde akribisch und von einer selbstverständlichen Präzision.

Am Horizont reicht die Natur, so weit das Auge blickt: Felder, Täler, Wälder, Wiesen und Wasserläufe breiten ein Panorama der irdischen Wunder vor uns aus und betonen die Schönheit der göttlichen Schöpfung – ein scharfer Kontrast zum gigantischen, doch vergeblichen Werk des Menschen.

Gesamtansicht von Pieter Bruegels Gemälde Der Turm zu Babel, das den unvollendeten Turm in einer weiten Landschaft mit zahlreichen Arbeitern und Schiffen zeigt.
Der Turm zu Babel. Pieter Bruegel der Ältere. 1563 – Öl auf Holz (114 x 155 cm) – Standort: Kunsthistorisches Museum, Wien (Österreich)
Detailansicht von Pieter Bruegels Gemälde Der Turm zu Babel, das die komplexen Bauarbeiten und die Menschenmassen auf den Rampen und Gerüsten hervorhebt.
Detailansicht des Turms zu Babel. Pieter Bruegel der Ältere. 1563 – Öl auf Holz (114 x 155 cm) – Standort: Kunsthistorisches Museum, Wien (Österreich)

Bruegel empfand Sympathie für die protestantische Kultur seiner Heimat. Eine andere Version des Gemäldes, Der kleine Turm zu Babel, liefert eine unverhohlene Kritik an der katholischen Zeremonialpracht. Auf einer der Rampen, die den Turm hinaufreichen, marschiert eine Figurengruppe unter einer Reihe roter Baldachine. Dies deutet man gemeinhin als verschleierte Anspielung auf die Gebräuche der katholischen Kirche, in deren Namen der Herzog von Alba Bruegels Heimatland zwischen 1550 und 1560 brutal unterjochte.

Pieter Bruegel des Älteren Gemälde Der kleine Turm zu Babel, eine kleinere Version des Motivs, das den Turm in einem ruhigeren Hafen zeigt.
Der kleine Turm zu Babel. Pieter Bruegel der Ältere. 1563–69 – Öl auf Holz (60 x 74,5 cm) – Standort: Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam, Niederlande

Die Architektur des Turmes soll vom Kolosseum in Rom inspiriert worden sein; dieses befand sich im 16. Jahrhundert bereits in Ruinen, könnte Bruegel aber als Modell für seinen Bau gedient haben. Bruegel reiste 1552 bis 1553 nach Rom. Innenansichten des Kolosseums offenbaren denselben geschichteten Effekt von Bögen und Strebepfeilern. Auch im Gemälde finden wir ähnliche Stützbögen, die das Gefühl eines kontinuierlichen Aufstiegs vermitteln.

Wie bei einem Großteil seiner Werke, so hat auch die moralische Botschaft hier eine bemerkenswerte zeitgenössische Resonanz. Bruegel lebte in einer Ära, da das kontinentale Europa von rivalisierenden religiösen Fraktionen zerfleischt wurde – auf der einen Seite die katholischen Reiche des Südens, auf der anderen die abtrünnigen protestantischen Kulturen des Nordens. Die Geschichte einer einst moralisch geeinten monotheistischen Gesellschaft, die nun in rivalisierende Gruppierungen zerfiel, war daher überaus passend; insbesondere, da eine der fundamentalen Ursachen des Protestantismus die Übersetzung der Bibel in moderne Schriftsprachen war.

Der Künstler erweckt die Geschichte vom Turm zu Babel in den zahlreichen Details beider Gemälde zum Leben. Sie laden uns ein, nicht nur die moralische Seite der Erzählung zu betrachten, sondern auch die zutiefst menschliche. Das Gemälde lässt die enorme zivile Energie, die in den Bau einfloss, spürbar werden und versetzt die biblische Geschichte des alten Babylon direkt in Bruegels damalige Niederlande.

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